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Die unglaubliche WELTsicht

25 Jahre nach dem Fall der Mauer versucht ein WELT-Artikel Deutschland zu spalten.

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Zunächst schaut man aufs Datum, doch muß erschreckt feststellen, daß gar kein 1. April ist. Ein Artikel in WELT online ist selbst für WELT-Niveau dermaßen dumm, daß man händeringend nach einem Entlastungsgrund für den Redakteur, der sich hinter dem Pseudonym „bes.“ versteckt, sucht. Man versucht vergebens, der Artikel, der ganz normal in der Rubrik „Reise“ erschien, ist ganz offensichtlich ernst gemeint.

Der Artikel „Wie man gebürtige Ostdeutsche zur Weißglut bringt„, um den es hier geht, wird eingeleitet mit „Auch 25 Jahre nach der Wende verbindet Ostdeutsche noch ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Oft wissen Westdeutsche, die sich ausgegrenzt fühlen, nicht, wie sie reagieren sollen. Wir geben Ihnen Tipps.“

Ein gesamtdeutsches Zusammengehörigkeitsgefühl hat sich in der WELT-Redaktion in den vergangenen 25 Jahren offensichtlich noch nicht eingestellt und so versucht man das Land zu spalten in Ost- und Westdeutsche. Im Jahr 2014 wohlgemerkt. Dabei dachte man, solche Entgleisungen, die es vermehrt in den ersten Jahren nach dem zum Teil gewollten Abklingen der Vereinigungseuphorie, ganz nach dem Motto „Teile und herrsche“, gab, wären längst überholt. In den Redaktionsstuben der WELT haben die Ressentiments überlebt.

Bildungslücken des Redakteurs

Betrachtet man den Inhalt des Artikels näher, was sich intellektuell zwar nicht lohnt, aber trotzdem, dann kann man sich nur wundern über das Weltbild der WELT. Ständig ist die Sprache von den Ostdeutschen, einer Spezies, die es gar nicht gibt. Was hat der Mecklenburger mit dem Thüringer gemein, außer daß auch er 40 Jahre DDR überstehen mußte? Selbst im verhältnismäßig kleinen Freistaat Thüringen gibt es feine Unterschiede, beispielsweise zwischen der Harzer Region und dem Vogtland oder anderen Regionen. WELT vermag da keinen Unterschied zu erkennen.

Auch andere „Fakten“ im Artikel lassen auf den mangelhaften Bildungsstand des Redakteurs schließen. So ist ihm die Zeitangabe „drei viertel acht“ unverständlich, wie er unumwunden zugibt. Das ist nicht schlimm, wenn man sonst auch Probleme mit Bruchrechnung hat, diese Zeitangabe jedoch ausschließlich in der DDR bzw. „Ostdeutschland“ zu verorten, dürfte viele Bayern, Baden-Württemberger und Österreicher empören, wissen die doch sehr wohl, daß damit 7:45 Uhr gemeint ist. Ebenso verhält es sich mit der „nullten Stunde“, einer Erfindung, die auch im Westen durchaus verbreitet war.

Axel Springer würde den Redakteur feuern

Neben diesen Bildungslücken ist vor allem der Grundtenor des Artikels erschreckend. Für die WELT gibt es noch immer „wir im Westen“ und „die da drüben im Osten“. Und das 25 Jahre nach dem Fall der Mauer im November 1989. Unglaublich, wenn man bedenkt, daß Deutschland nächstes Jahr ein Vierteljahrhundert Wiedervereinigung feiern will.
Noch viel mehr erstaunt, daß solch ein Artikel ausgerechnet in der WELT erscheint, in einem Blatt des Springer Verlages. Wenn Axel Springer etwas auszeichnete, dann war es sein Glaube an die Deutsche Einheit. Entgegen aller Widerstände und Sonntagsreden. Sein neues Verlagsgebäude errichte er 1966 nicht im feinen Hamburg, sondern stellte es demonstrativ direkt an die Mauer in Berlin. Und als ein wichtiger Grundsatz galt verlagsintern „das unbedingte Eintreten für die friedliche Wiederherstellung der Deutschen Einheit in Freiheit“.

Würde Axel Springer heute noch leben, könnte sich der Verfasser dieses Artikels nun auf die Suche nach einer beruflichen Alternative begeben. Springer hätte diesen Schreiberling sofort gefeuert. Die heutige WELT-Chefredaktion wird dieses Einstehen für Grundsätze wohl nicht haben.
Da beruhigt es doch, die Leser-Kommentare unter dem Artikel zu lesen. Die Mehrheit der Kommentatoren können mit diesem plumpen Populismus nichts anfangen und lehnen die Spaltungsversuche vehement ab.

Update (20.06.14): WELT lernt nicht dazu und bringt nun einen Artikel mit dem Inhalt „So ärgern Sie Wessis„. Zum einen will man wohl zeigen, hey wir haben nichts gegen „Ossis“, wir veralbern auch „Wessis“. Ein wirklich leicht zu durchschauender Versuch. Zum anderen betreibt man damit die Spaltung munter weiter und schafft es sogar noch auch in diesem „Ausgleichsartikel“ die „Ossis“ weiter niederzumachen.
Fehler eingestehen und daraus lernen, sind offensichtlich zwei verschiedene Dinge.

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