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Steht das Ende der Fanmeile bevor?

Der Zuspruch der Fans läßt spürbar nach.

Die Europameisterschaft 2016 ist für die deutschen Fans gelaufen, und nicht nur, weil gestern Abend die deutsche Nationalmannschaft im Halbfinale äußerst unglücklich gegen Gastgeberland Frankreich ausgeschieden ist. Das Finale am kommenden Sonntag wird in Deutschland wohl nur auf spärliches Interesse stoßen.

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Verhaltene Begeisterung

Doch das Abschneiden der deutschen Nationalelf ist dafür nur ein Aspekt. Auch während sich die Jungs um Bundestrainer Jogi Löw durch die Gruppenphase und die ersten K.O.-Spiele gespielt haben, suchte man die Begeisterung von 2006, die allgegenwärtig war,  als Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft austragen durfte, vergebens. Mehr als ein laues Interesse war bei Menschen, die sich nicht gerade zu den Hardcore-Fans zählen, nicht auszumachen.

Das spürten auch die Ausrüster und Hersteller von Fanartikeln. Selbst das deutsche Nationaltrikot* zur diesjährigen Fußball-EM von Hersteller adidas, sonst ein Selbstläufer, litt unter einem schwächelnden Absatz. Mit dem empfohlenen Verkaufspreis von 84,95 Euro hatte man zwar eindeutig überzogen, doch selbst Rabatte von bis zu 35 Prozent auf diesen Preis konnten kaum für Begeisterung und das Haben-wollen-Gefühl bei den Käufern sorgen.

Nicht nur das offizielle Trikot wurde zum Ladenhüter, auch andere Artikel, wie Fanschminke, T-Shirts, Autofähnchen und allerlei Accessoires blieben wie Blei in den Regalen liegen. Versank 2006 fast das komplette Land in einem Meer aus Schwarz-Rot-Gold, kann man heute entsprechend geschmückte PKW, die so durch die Innenstädte fahren, fast an einer Hand abzählen.

Vielleicht hätte das Erreichen des Finales oder gar des Europameister-Titels daran noch etwas geändert, doch das wird man nun nie mehr erfahren.

Und wenn es eines letzten Beweises bedurft hätte, zeigte selbst Kanzlerin Angela Merkel an dieser EM keinerlei Interesse mehr. War sie sich bei früheren Turnieren selbst für gemeinsame Fotos mit der Mannschaft aus der Kabine unmittelbar nach einem Spiel nicht zu schade und war sie für Spiele mit deutscher Beteiligung sogar nach Brasilien geflogen, fand sie in diesem Jahr offiziell leider nicht die Zeit, um im Nachbarland Frankreich einmal im Stadion vorbeizuschauen.

Fußball | Bild: pixabay.com, CC0 Public Domain

Fußball | Bild: pixabay.com, CC0 Public Domain

Fanmeile

2006 schwappte neben dem flächendeckenden Nationalfarben auch die Welle der Public Viewing-Veranstaltungen über das Land. Da viele Fußballbegeisterte keine Chance auf eine der heißbegehrten Eintrittskarten hatten, vielen fehlte es schlicht auch am nötigen Geld für die Tickets, sollten die Menschen zumindest auf einer der zahlreichen Fanmeilen das Spiel gemeinsam anschauen können. So wurden die Spiele auch ohne Zutritt zum Stadion zu einem kollektiven Event, mit Emotionen pur. Jede größere Stadt, die etwas auf sich hielt, veranstaltete ein Public Viewing oder gleich eine Fanmeile.

Alle nachfolgenden Fußball-Turniere, 2008 in Österreich/Schweiz, 2010 in Südafrika und 2012 in Polen/Ukraine, zeichneten sich vor allem dadurch aus, daß die Fanmeilen und Public Viewing-Veranstaltungen weniger wurden. Das schlechte Wetter tat sein übriges, so daß viele Veranstalter danach auch finanziell im Regen saßen.

Nur der Gewinn des Weltmeistertitels 2014 in Brasilien konnte den Abwärtstrend noch einmal kurz durchbrechen, wenn auch nur zum Ende des Turniers, als sich abzeichnete, daß die deutsche Mannschaft tatsächlich um den Titel mitkämpfen konnte. Der Empfang des Weltmeisters in Berlin am Brandenburger Tor war dann der letzte Höhepunkt für das Projekt Fanmeile.

Danach ging es nur noch abwärts. Public Viewing Veranstaltungen außerhalb der Top-Städte muß man heute mit der Lupe suchen, und auch auf der Fanmeile in Berlin herrschte allzu oft auffallende Leere. Während man 2014 die „Straße des 17. Juni“ oft wegen Überfüllung schließen mußte, weil sich hier bis zu 300.000 Fußballfans gleichzeitig tummelten, feiert man in diesem Jahr bereits die Zahl von 150.000 Besucher beim Halbfinalspiel Deutschland gegen Frankreich als absolutes Highlight.

Nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft kann man die Fanmeile jetzt wohl direkt abbauen. Einen großen Fanauflauf braucht niemand mehr erwarten.

Das Ende der Fanmeile?

Viele Menschen sind von Fußball einfach übersättigt, kann man doch heutzutage fast täglich irgendein „wichtiges Spiel“ im Fernsehen verfolgen. Auch das fortwährende Verprassen der GEZ-Gelder für Fußball hinterläßt bei vielen einen schalen Nachgeschmack. Die während der EM 2016 kolportierten Gagen für die „TV-Experten“ Oliver Kahn (ZDF) und Mehmet Scholl (ARD) tun dabei ihr Übriges, daß den Zuschauern zunehmend der Spaß vergeht.

Und noch ein weiterer nicht zu unterschätzender Fakt spielt beim Sterben der Fanmeile eine Rolle. In Zeiten von Pegida und AfD haben viele Menschen wieder ein Problem damit, überschwenglich wedelnd mit der schwarz-rot-goldenen Fahne durch die Stadt zu laufen. Mit fremdenfeindlichen Populisten, die sich allzu gern in die deutsche Fahne hüllen, möchte niemand verglichen oder verwechselt werden. Deshalb ist der Umgang mit Schwarz-Rot-Gold, der nach der WM 2006 einigermaßen entkrampft zu sein schien, jetzt wieder ein Problem.

Es darf angesichts dieser Argumente niemand verwundern, wenn das Public Viewing und die Fanmeile 10 Jahre nach ihrem großen Durchbruch wieder in der Versenkung verschwinden werden.

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2 Kommentare

  1. Pingback: Fußball-EM Finale: Portugal gegen Frankreich » Onlinegewinnen.info

  2. Das EM-Turnier war sportlich sicher kein Knaller. Vielen Spielen fehlt es an Spannung. Aber deshalb würde ich den Abgesang nicht anstimmen wollen. Die WM ist erst 2 Jahre her, und da war es ganz anders. In zwei Jahren kann das wieder so sein.

    Die hohen Preise, die Fifa, Uefa oder die DFL verlangen sind eher das Problem, weniger die ÖR Rundfunkgesellschaften. Die zahlen das Geld, was die Funktionäre dieser Sportgroßunternehmen diktieren.

    Abschließend: So schlimm fand ich die Moderatoren von ARD und ZDF nicht. Ich denke, heutzutage gibt es überhaupt keine Menschen mehr, die in den Augen der Zuschauer Gnade finden. Ich bin selbst ziemlich kritisch. Aber da gibt es in meinen Augen bei den ör Gesellschaften andere Punkte, die man kritisieren kann. Beispielsweise die Quote von Wiederholungen, die in den Sommermonaten gezeigt werden. Ich bin schon etwas älter und kenne fast alles, was in diesen Monaten so gezeigt wird. Schrecklich. 🙂

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